Anguckallergie

Inez Maus
Blogbeitrag 5. September 2019
Zwei Jahre
© Inez Maus 2014–2019
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Anfang September vor zwei Jahren startete ich meinen Blog. Ein Jubiläum ist ein guter Zeitpunkt, um Danke zu sagen: Ich danke allen meinen Lesern für das Interesse sowie die Rückmeldungen, Anregungen und vielen persönlichen Erlebnisse, die mir in Wort und Bild anvertraut wurden. Ein Jubiläum ist auch ein guter Zeitpunkt, um zu schauen, welche Artikel besonders oft aufgerufen wurden: Der bisher meistgelesene Artikel meines Blogs beschäftigt sich mit Fragen der Erziehung. Dies war mein zweiter Beitrag. Viel Interesse fanden auch die Artikel Betroffene – Ich bin nicht betroffen, Blutmond im Wacken der Grillen, Heiße Schokolade schlürfende Monsterlein und Das Kind am Gartenzaun. Mein Blog ist für mich Gedankenarbeitsplatz, Gedankenlagerplatz, Gedankenhandelsplatz und Gedankenspielplatz. Mit meinem Blog als Gedankenarbeitsplatz möchte ich ein Nachdenken oder Umdenken anregen, ich möchte wachrütteln und Diskussionen anstoßen. Vielen Zuschriften zufolge gelingt mir dies. Ein Leser schreibt beispielsweise: „Im Grunde finde ich es höchst spannend, das Anderssein, die Grenzen der Menschen und die Überschreitungen zu analysieren. Im Grunde könnte man auch sagen, der Autist hat einfach ganz andere Grenzen und die werden täglich überschritten, überreizt“, ein anderer stellt fest: „Toll, ich sollte doch immer einmal tiefgründiger nachdenken, bevor ich einst aufgestellte Regeln verteidige.“ Der Gedankenhandel floriert – dies zeigt sich besonders deutlich daran, dass inzwischen Leser Wünsche äußern, zu welchen Themen sie gern etwas erfahren möchten. Ich werde zu all diesen Themen bei passender Gelegenheit etwas schreiben. Ein Jubiläum ist immer auch ein Zeitpunkt, an dem man zurückschaut. Der Blog ist zwei Jahre alt, aber wie war mein autistischer Sohn im Alter von zwei Jahren? Und wie war Benjamin nach seinen ersten zwei Schuljahren? Als Benjamin zwei Jahre alt war, notierte ich in meinem Tagebuch Folgendes: „Waren unsere Ziele wie sauber werden, sprechen lernen, zusammen spielen, ohne Nuckel einschlafen, selbstständig essen, einige Kleidungsstücke alleine anziehen … zu hoch gegriffen? Hatten wir ein verhaltensgestörtes Kind? Und wenn ja, was würde das überhaupt bedeuten?“ Die Kinderärztin sah vorerst nichts Bedrohliches in der Entwicklung unseres Sohnes und riet zum Abwarten, denn vieles könne sich ja noch „verwachsen“. Wir machten uns weiterhin Gedanken und suchten nach Erklärungen. Viele Jahre später wurde ich von mehreren Fachleuten und Therapeuten gefragt, wann wir denn bei unserem Sohn das erste Mal an Autismus gedacht hätten: Es war genau in dieser Zeit um seinen zweiten Geburtstag herum. Am Ende seines zweiten Schuljahres regte sich Benjamins Lehrerin furchtbar über sein „abgehobenes Wissen“ auf, wogegen es ihm an „Basiswissen“ mangele. Entrüstet berichtete sie, dass er ihr den Aufbau des Innenohres haarklein erklärt habe und endete mit dem Ausruf: „Wozu muss er das denn jetzt wissen?!“ Um mir zu verdeutlichen, was sie meinte, verglich sie das Wissen „normaler“ Kinder (hier schrillten meine inneren Alarmglocken) mit einem Dreieck, wobei die breite Unterseite das Basiswissen sei und die nach oben zulaufende Spitze das immer speziellere Wissen darstelle. Bei Benjamin sei dies genau umgekehrt, sein Dreieck stehe auf der Spitze, weil sein Basiswissen so dünn und sein Spezialwissen so extrem sei. Sie machte mir den Vorwurf, dass wir diese Verteilung unserem Sohn so anerzogen hätten. Manchmal ertappe ich mich noch immer dabei, dass ich darüber nachdenke, wie unser Leben verlaufen wäre, wenn einige Fachleute damals genauer hingeschaut hätten oder besser informiert gewesen wären. Ich weiß, dass es vielen Eltern ähnlich ergeht. Ändern kann man die Vergangenheit nicht, aber die Gegenwart und damit die Zukunft lässt sich gestalten.