Anguckallergie

Inez Maus
Blogbeitrag 25. Juli 2021
Telephobie
© Inez Maus 2014–2021
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Dies ist ein Gastbeitrag von Leon Maus. Dieser beinhaltet eine Strategie der Selbstermächtigung, um Schwierigkeiten beim Telefonieren zu bewältigen. Der Blogartikel „Sie haben Fragen? Dann rufen Sie uns einfach an – wir beraten Sie gern.“ führte mich dazu, darüber nachzudenken, wie ich meine Telefonier-Abneigung im Laufe der Zeit verloren habe. Angerufen zu werden ist anstrengend. Wer ruft an? Ach, sie! Zu dieser Zeit? Ist etwas passiert? Nicht angerufen zu werden ist viel entspannender. Wenn sich keiner meldet, weiß ich, dass es allen gut geht und keiner Hunger hat. Auch wenn das im informationstheoretischen Sinne nicht korrekt ist. Und selbst jemanden anrufen? Das fühlte sich jedes verdammte Mal wie eine Prüfung an, wie eine verhauene. Warum das bei mir so war, weiß ich nicht. Vielleicht, weil ich ohne Telefon aufgewachsen bin. Damals waren Telefon- Privatanschlüsse ein Privileg. Man musste zum Telefonieren eine Telefonzelle auf der Straße aufsuchen oder den privilegierten Nachbarn. Und wenn dieser einmal ein Gespräch annahm, waren es wichtige Nachrichten – und meist schlechte. Telefonklingeln löste also stets großes Unbehagen bis Angst aus, auch im beruflichen Umfeld. Kunden rufen an, wenn es klemmt. Sie rufen eher selten an, weil sie sich unbedingt dafür bedanken wollen, wie toll alles klappt. Unvermeidliche Anrufe wurden prokrastiniert bis zur letzten Minute und immer wieder in allen katastrophalen Varianten vorab durchgespielt. Dies wurde in der Hoffnung getan, dann auf alle Eventualitäten der Gesprächsentwicklung vorbereitet zu sein. Bekanntlich kommt es anders, als man denkt. Über die Jahre konnte ich mich aus meiner Telephobie herausarbeiten. Retrospektiv würde ich meine Vorgehensweise wie folgt beschreiben. A) Ent-dämonisiere zuvor deinen Gesprächspartner. Stelle ihn dir nicht als übermächtigen Angstgegner und Level-Boss vor, der dich durch die Telefonleitung ziehen kann. Vielleicht freut er sich über das Gespräch, weil endlich eine Sache vorangetrieben wird, die ihm am Herzen liegt oder auf den Nägeln brennt. Oder du hast irgendetwas versehentlich falsch gebucht und musst nun im Kundezentrum anrufen. Dabei kommst du dir wie der letzte Depp auf Erden vor. Das musst du nicht, denn jeden Tag korrigieren Abertausende intelligente Leute Ihre Entscheidungen. Und dein Gesprächspartner lebt von solchen Anrufen wie dem deinigen. Oder vielleicht ist ihm auch nicht ganz wohl bei dem bevorstehenden Gespräch. Er hat Sorge, dass du ihn missverstehen könntest. Oder er hat keinen Plan für das Gespräch und weiß gar nicht, wie er anfangen soll. B) Formuliere zuvor dein Gesprächsziel. Mache dir bewusst, was du mit diesem Gespräch (unbedingt) erreichen willst. C) Formuliere zuvor deine Grenzen. Sei dir im Klaren darüber, was du in diesem Gespräch nicht besprechen willst, was du jetzt nicht entscheiden willst oder kannst, was du nicht versprechen willst. Und dann halte dich daran. D) Überlege dir zuvor, mit welcher Formulierung du bei Notwendigkeit aus dem Gespräch aussteigen kannst. Mache dir bewusst, dass ein Gespräch, das nicht gut läuft, nicht bis zum bitteren Ende geführt werden muss. E) Führe das Gespräch an. Warte nicht darauf, was die "Gegenseite" dir anbietet. Gehe in die Offensive – du weißt ja, was du willst (B) und was du nicht willst(C). Die meisten Gesprächspartner nehmen eine angebotene, strukturierte Gesprächsführung leicht an, wenn du sie fühlen lässt, dass du auf das Gespräch (besser) vorbereitet bist. F) Lass dir keine Schnellschüsse abnötigen. Wenn dein Gesprächspartner plötzlich und unerwartet gänzlich neue Aspekte in das Gespräch bringt, bist du nicht verpflichtet, in Echtzeit darauf zu regieren. Dein Gegenüber weiß ja schon seit Stunden oder Tagen davon und konnte darüber nachdenken. Dasselbe Recht kannst du auch für dich beanspruchen, das ist nicht unhöflich. G) Bleibe kooperativ. Auch wenn du deine Ziele (B) nicht sofort erreichst oder wenn du deinem fordernden Gegenüber sehr viel abschlagen musst (C), biete deinem Gesprächspartner einen nächsten Schritt an: "Wir reden morgen weiter, ich muss das nochmal durchrechnen" oder "Das war jetzt sehr viel Neues für mich, das ändert einiges und ich will mich erst mit XY besprechen, bevor etwas entschieden werden kann." H) Beende das Gespräch. Wenn alles gesagt ist, ist alles gesagt. Das berühmte "Ohr abkauen" muss man nicht lange erdulden (D). In Ausnahmefällen kann ein sofortiges Auflegen ein adäquater Gesprächsabschluss sein. Persönliche Beleidigungen, Übergriffigkeiten, Anschreien muss sich niemand gefallen lassen. Ironisches Unterstatement: "Sie kommunizieren unangemessen!" – auflegen. Auch dieses Notfall-Szenario sollte man zuvor verinnerlichen, um darauf zurückgreifen zu können.