Anguckallergie

Inez Maus
Blogbeitrag 13. März 2021
„Mein Lieblingsautist“
© Inez Maus 2014–2021
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Vor ein paar Tagen hörte ich sie zum wiederholten Male. Sie – die Formulierung, bei der sich mir die Nackenhaare sträuben. „Mein Lieblingsautist …“, begann eine Fachperson zu berichten. Mir fällt es dann immer schwer weiter zuzuhören, denn ich beginne sofort zu grübeln, was ein oder der „Lieblingsautist“ ist. Bisher habe ich diese Formulierung nur von pädagogischen Fachpersonen gehört. Diese Personengruppe sollte aber keine Lieblinge haben – nicht unter den nicht-autistischen Kindern und nicht unter den autistischen Kindern. Natürlich weiß ich, dass wir alle nur Menschen sind und dass wir uns unserer Gefühle nicht immer ganz erwehren können. Dann sollte man aber wenigstens im öffentlichen Raum diese Gefühle nicht kundtun. Die anderen Möglichkeiten, die sich hinter der Formulierung „Lieblingsautist“ verbergen könnten, sind zum einen ein autistisches Kind, welches wenige Probleme im Alltag bereitet, oder zum anderen ein solches Kind, welches Auffälligkeiten zeigt, die sich besonders gut dazu eignen, um an das Publikum weitergegeben zu werden, weil sie besonders große Effekte erzielen. Soweit ich weiß, hat nie jemand meinen autistischen Sohn als seinen Lieblingsautisten bezeichnet. Mein Kind war an der Förderschule nie der Lieblingsautist, denn dort gab er sich „zu wenig Mühe“. An der Regelschule nahm er diese Rolle nicht ein, weil es dort keinen weiteren autistischen Schüler gab. Oft bekam ich aber zu hören, mein Sohn sei „außergewöhnlich“ oder „sehr interessant“. Da dies in der Regel in medizinischen oder therapeutischen Kontexten geschah, sollte in derartigen Situationen damit eher die pathologische Seite zum Ausdruck gebracht werden. Es gibt auch Fachpersonen, die ihre Beziehung zum Thema Autismus auf gewisse Weise romantisieren. Da wird davon geredet, dass die eigene Beschäftigung mit dem Thema Autismus bereits volljährig ist. Oder dass man mit dem Thema Autismus verheiratet sei und schon die Silberhochzeit gefeiert habe. Die schön formulierten Hinweise auf die eigene Fachlichkeit können bei Angehörigen allerdings ganz andere Gefühle auslösen. Wenn ich solche Formulierungen höre, dann denke ich sofort an die Familien, die sich die Volljährigkeit ihres autistischen Kindes anders vorgestellt hatten. Die sich am 18. Geburtstag ihres Kindes Sorgen darüber machen wollten, in welchem Nachtklub das nun erwachsene Kind den neuen Lebensabschnitt beginnen wird. Die nicht darüber nachdenken wollten, wie und wo sie ihr Kind gut unterbringen können, wer die Belange ihres Kindes in Zukunft regeln wird … Wenn ich solche Formulierungen höre, denke ich ebenfalls an die Familien, die als Familie nicht mehr bestehen. Die ihre Silberhochzeit nicht feiern werden, weil die Ehe zerbrochen ist. Und die zumindest glauben, die außerordentlichen Belastungen durch das autistische Kind hätten der Ehe keine Chance zum Bestehen eingeräumt. Einige Fachpersonen bemühen sich, durch die „autistische Brille“ zu schauen. Das klingt für mich wie ein Spiegelkabinett. Man geht hinein und sieht, welche Gestalt man als dicker, dünner, großer, kleiner … Mensch annehmen würde. Man sieht es – das eigene Spiegelbild wird verzerrt, aber man fühlt nicht, wie es ist, der jeweilige Mensch zu sein. Warum kann das eigene Bemühen nicht in einfache Worte gefasst werden? Beispielsweise so: Ich versuche, autistische Menschen zu verstehen, ich höre ihnen zu, ich beschäftige mich seit x Jahren mit dem Thema. Nicht nur Autistinnen und Autisten könnten mit solchen Formulierungen mehr anfangen als mit „Lieblingsautisten“, mit „Autismus verheirateten“ Personen oder mit „autistischen Brillen“. Auch Angehörige würden dann von dem sprichwörtlichen dicken Fell (welches die Fähigkeit beschreibt, gelassen auf widrige Umstände, unangemessene Kritik oder auch Rückschläge zu reagieren) weniger benötigen. Zum Weiterlesen: Betroffene – Ich bin nicht betroffen