Anguckallergie

Inez Maus
Blogbeitrag 29. Februar 2020
Das KOMMA …
© Inez Maus 2014–2020
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… ist da! Das „Kompetenzmanual Autismus (KOMMA)“ – mein neues Buch – ist vor wenigen Tagen erschienen. Vorbei ist das Warten, vorbei ist das Grübeln, vorbei ist auch die Vorfreude, denn sie musste der Freude und Erleichterung weichen. Eine Freundin verglich das Erscheinen (m)eines Buches mit der Geburt eines Kindes. Dem kann ich mich jedoch nicht anschließen. Die Geburt eines Kindes ist mit keinem anderen Ereignis zu vergleichen – außer vielleicht mit der Geburt eines weiteren Kindes. Allerdings kann ich nicht leugnen, dass es gewisse Parallelen gibt. Zu Beginn eines jeden Buchprojektes habe ich eine genaue Vorstellung davon, wie das fertige Werk aussehen soll. Beim Schreiben entwickelt jedes meiner Bücher eine Art Eigenleben und am Ende bin ich überrascht, was aus der jeweiligen Idee geworden ist. Ähnlich verhält es sich mit Kindern. Eltern haben meist eine recht genaue Vorstellung vom Leben mit einem Kind, aber die sich entfaltende Persönlichkeit des Kindes beschert dann einen Alltag voller Überraschungen. George Orwell, englischer Schriftsteller und Journalist, empfand das Schreiben eines Buches als einen „grausame[n], aufreibende[n] Kampf, wie eine lange schmerzhafte Krankheit. Man würde es niemals tun, wenn man nicht von einem Dämon getrieben wäre, der stärker ist als man selbst und der einem unverständlich bleibt.“ In abgeschwächter Form stimme ich ihm zu: Eine treibende Kraft, die einem zuweilen unverständlich ist, führt dazu, dass man im Sommer bei strahlendem Sonnenschein nicht zum Baden fährt – denn die guten Ideen, die nach dem Aufwachen im Kopf herumgeistern, könnten im See ertrinken. Ich stimme ihm ebenso zu, dass das Schreiben eines Buches aufreibend sein kann, auch phasenweise kräftezehrend, um dann in erstaunlichen, berührenden und überraschenden Erlebnissen seine Erfüllung zu finden – hier findet sich eine weitere Parallele zur Betreuung eines Kindes. Zu den berührenden Erlebnissen meines vorherigen Buches, welches sich mit den Geschwistern von autistischen Kindern beschäftigt, gehören die E-Mails oder Anrufe, in denen mir Mütter (es waren tatsächlich nur Mütter*) Folgendes berichteten: „A… hat jetzt auch einen Taschengeld-Tag.“ Ein kleiner, scheinbar banaler Satz, der für sich selbst spricht. Der französische Philosoph und Schriftsteller Voltaire wusste, worauf es beim Schreiben eines Buches ankommt: „Wollen Sie ein Autor sein, wollen Sie ein Buch schreiben, dann denken Sie daran, daß es neu und nützlich oder zumindest sehr vergnüglich sein muß!“ Neu und nützlich ist mein KOMMA ganz bestimmt, denke ich, denn es bietet einen Leitfaden, um die individuelle Palette an Stärken und Symptomen eines Menschen mit Autismus erfassen zu können, damit das tägliche Miteinander bestmöglich gelingt. Dass es nicht vergnüglich im Sinne eines Unterhaltungsromans ist, liegt in der Natur des Themas. Der letzte Schriftsteller, den ich hier zum Thema Bücherschreiben zu Wort kommen lassen möchte, ist der französische Schriftsteller Francis Ponge. Er schaut nicht auf die Produzenten, sondern auf die Konsumenten: „Es ist erst der Leser, der das Buch zum Buch macht, indem er liest.“ Insofern freue ich mich darauf, dass Sie, liebe Leser, das KOMMA „zum Buch machen“ werden. Anfänge, um „das Buch zum Buch zu machen“, gibt es bereits. Vor einigen Tagen erhielt ich den Anruf einer potenziellen Leserin, die das Buch zu diesem Zeitpunkt vorbestellt hatte. Wir redeten über das KOMMA. Plötzlich vernahm ich bedrohlich wirkende, knallende Geräusche in der Leitung, die aus ihrer Wohnung kommen mussten. Der Schreck auf beiden Seiten war groß und sie legte das Handy erst einmal zur Seite, um nachzuforschen, was passiert war. Nach einer Weile erfuhr ich, dass sie Eier zum Kochen angesetzt hatte und dass sie diese dann im Gespräch über mein neues Buch vergessen hatte, sodass die Eier nach dem Verkochen des Wassers explodierten. Schaden ist bei ihr – wenn man vom Aufwand des Putzens absieht – keiner entstanden. Seitdem verspüre ich den Impuls, Anrufer zu fragen, ob sie gerade etwas auf den Herd gesetzt, das Badewasser aufgedreht oder das Bügeleisen angeschaltet haben. Sicherlich fragen sich einige, wie es nun bei mir weitergeht. Auch darauf gibt es eine, wenn auch nicht meine Antwort. Ein Leser meiner vorherigen Bücher ist der Meinung: „Nach dem Komma folgt eine Pause – und dann geht es stets weiter. Ein Komma ist kein Schlusspunkt.“ Zum Blog-Springen und zum Weiterlesen: Interview auf dem Kohlhammer-Blog *Nachtrag am 3.03.2020: Da mich einige Väter angeschrieben und an ihre Feedbacks zum Geschwisterbuch erinnert haben, möchte ich hier darauf hinweisen, dass sich die Bemerkung in Klammern nur auf die Rückmeldungen zum Taschengeld-Tag bezieht.