Anguckallergie

Inez Maus
Blogbeitrag 11. August 2019
Typisch Berlin? (Fortsetzung und Schluss)
© Inez Maus 2014–2019
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Vor einigen Wochen berichtete ich über ein feuchtes, aber nicht fröhliches Erlebnis, das ich in der Berliner S-Bahn hatte. Ein Fahrgast verschüttete sein Bier, welches meine Sandalette durchtränkte. Recht unterschiedliche Reaktionen waren die Folge. Heute nun folgt die am Ende des Artikels angekündigte Fortsetzung, nach der sich bereits Leser erkundigt haben. Die ausbleibende Reaktion meines Gegenübers auf das Missgeschick in der S-Bahn kann verschiedene Ursachen haben: Er beherrscht unsere Sprache nicht, was aber nicht der Fall war, denn er redete wenige Augenblicke später mit dem Kontrolleur deutsch. Das Ereignis könnte ihm im wahrsten Sinne des Wortes die Sprache verschlagen haben. Oder das Geschehene war ihm egal, was dem Anschein nach aber nicht zutraf. Da der Kontrolleur den Mann aufforderte, den Wagen zu verlassen, bleibt diese Sache wohl ungeklärt. Wenige Tage nach dem Erlebnis bat ich die Teilnehmer eines Workshops, dass sie beschreiben, wie sie sich in der geschilderten Situation gefühlt und wie sie reagiert hätten. Die Antworten fielen höchst unterschiedlich aus: Ein Teilnehmer outete sich als trockener Alkoholiker und es machte ihn sichtbar wütend, dass Leute in Nahverkehrsmitteln, auf der Straße, in Bahnhöfen, in Parks … Alkohol trinken. Er wollte das Trinken von Alkohol in der Öffentlichkeit verbieten und auf Lokalitäten sowie den Privatbereich beschränken. Eine Lehrerin erzählte, dass sie ein sehr kleines Kind hat, welches häufig Getränke verschüttet. Dadurch habe sie viel Verständnis für Menschen, die etwas verschütten, entwickelt – auch, weil sie ihrem Mann ständig erklären müsse, dass dies bei kleinen Kindern normal ist. An ihr früheres Partyleben erinnerte sich eine weitere Teilnehmerin. Auf dem Heimweg habe die Clique immer noch etwas getrunken und dabei den einen oder anderen Fahrgast bekleckert, weil die Koordination „halt nicht mehr so zielsicher war“. Die Fahrgäste hätten immer verständnisvoll reagiert. Zwei Teilnehmer vertraten die Meinung, dass man nach einem harten Arbeitstag zum verdienten Feierabend ein Bier trinken darf. Auf das Trinken in öffentlichen Verkehrsmitteln oder das Verschütten des Bieres gingen sie nicht ein, sondern zählten Berufsgruppen auf, die nach ihrer Meinung hier dazugehören. Zu Beginn der Veranstaltung fiel mir auf, dass eine Teilnehmerin ihre Schuhe wechselte. Ebendiese Frau erzählte, dass sie zu jedem dienstlichen Meeting und zu jeder Veranstaltung immer Schuhe zum Wechseln dabeihat und ihr das verschüttete Bier somit keine Probleme bereitet hätte. Diesen Tipp gab sie ausdrücklich an mich weiter. Daraufhin äußerte ein Mann, dass er die Wechselschuhe unnötig findet, denn man könne es doch so regeln, wie ich es getan hatte: beim Meeting einfach erzählen, was passiert ist. Einige Teilnehmer vermieden es, über ihre mögliche Reaktion in einer derartigen Situation und die damit verbundenen Gefühle zu reden und entfachten stattdessen eine Diskussion über Essen und Trinken in Nahverkehrsmitteln. Diese Diskussion wurde kurzerhand von einer Frau unterbrochen, die das Autofahren als Mittel der Wahl propagierte, um all die genannten Probleme zu umgehen, und gleichzeitig den Parkplatzmangel in Großstädten beklagte. Ein Ereignis – viele Sichtweisen und dazugehörige Gefühle. Selbst wenn es uns nicht sofort gelingt, sämtliche mögliche Ansichten zu benennen, so haben wir doch keine Schwierigkeiten, in diesen personenbezogenen Kontexten die Perspektiven der beteiligten Personen zu übernehmen. Menschen mit Autismus hingegen können derartigen situationsbedingten Perspektivwechseln oft nicht folgen. Ihnen hilft es, wenn aktuelle soziale Situationen erklärt werden: Was bedeutet das Verhalten meines Gegenübers und warum verhält sich mein Gegenüber so und nicht anders, welche Reaktion wird von mir erwartet und möchte oder kann ich mich dementsprechend verhalten … Nach dem Workshop stellte ich meinem autistischen Sohn zu Hause dieselbe Frage wie den Teilnehmern. Seine Antwort lautete: „Ich würde in Panik geraten, weil es alles durcheinanderwirft.“ Nach einer kurzen Pause entwickelte er den Plan, neue Socken zu kaufen, am Ort des Meetings den Fuß zu waschen und danach die Socken zu tauschen. Die nasse Socke würde er wegwerfen. Abschließend räumte er ein, dass er in der geschilderten Situation vermutlich aber „nicht so klar denken“ kann. Die Vorgeschichte: Typisch Berlin?