Anguckallergie

Inez Maus
Blogbeitrag 28. Februar 2026
Buchvorstellung „Das Universum im Käseloch“
© Inez Maus 2014–2026
nach oben nach oben
Transparenz: Das Buch wurde mir vom Baeschlin-Verlag als Rezensionsexemplar zugeschickt. „Geschichten bieten Stoff zum Reden, sie lösen Gefühle aus, und sie vermögen die Welt zu erklären. Geschichten, die sowohl positive als auch negative Erlebnisse aus dem familiären Alltag und Vorlieben oder Besonderheiten der Kinder in eine fiktive Welt transportieren, eignen sich besonders gut, um Kindern […] das nahezubringen, was Autismus ganz konkret in ihrer Familie bedeutet“ (Maus, 2025, S. 70). Zu den Kindern in solchen Familien gehören neben dem autistischen Kind meist auch Geschwister. Dem Thema, wie es ist, als Geschwisterkind eines autistischen Kindes aufzuwachsen, widmet sich jetzt ein Kinderbuch zum Thema Autismus. Das Buch „Das Universum im Käseloch“ stammt von der Autorin Stefanie Christ, illustriert wurde es von Karin Widmer. Erschienen ist es im Baeschlin Verlag – ein 1853 gegründeter Schweizer Verlag, welcher zum einen Kinderbücher und zum anderen Publikationen mit Bezug zum Kanton Glarus verlegt. Über die Autorin Stefanie Christ verrät die Website des Verlages unter anderem, dass sie Kunstgeschichte und Medienwissenschaft studierte und seit 2004 Belletristik, Kolumnen und Sachtexte für Erwachsene und Kinder publiziert. Eine persönliche Verbindung der Autorin zum Thema Autismus lässt sich auf ihrer eigenen und auf der Website des Verlags nicht finden. Zu ihren Inspirationen schreibt Stefanie Christ: „Als Autorin werde ich oft gefragt, wie ich auf die Idee für Bücher komme. Es ist jedes Mal eine andere Geschichte“ (stefanie-christ.ch am 15.03.2022, Zugriff am 24.02.2026). Das Buch „Das Universum im Käseloch“ ist gebunden, 128 Seiten lang und wird ab einem Alter von acht Jahren empfohlen. Am Beginn des Buches sind mehrere Organisationen und Stiftungen genannt, die das Buchprojekt gefördert haben, darunter befindet sich auch autismus schweiz – die wichtigste Organisation für das Thema Autismus in der Schweiz. Zum Inhalt des Buches ist auf der Website des Verlags Folgendes zu lesen: „Gwendolyn hat einen Bruder mit Autismus. Dieser pflegt eine besondere Obsession zu Käse, er ist überzeugt, dass man um die Löcher herum essen muss, um das Universum im Käseloch intakt zu halten. Gwendolyn selbst hat aber etwas ganz anderes im Kopf: Sie will unbedingt zur gefragten Halloween-Party einer beliebten Schülerin eingeladen werden. Denn in diesem Jahr hat sie sich als Kostüm etwas ganz Ausgefallenes überlegt: Sie will als Universum im Käseloch gehen. Doch nichts läuft nach Plan und am Ende gerät Loris durch Gwendolyns Handeln in Gefahr ... Zum Glück ist da die lokale Käserei, in der alle wieder heil zusammenfinden!“ Das erste Kapitel beginnt mit dem Satz: „Mein Bruder ist blöd.“ Geäußert wird dieser Satz von Gwendolyn, die aber sogleich richtigstellt, dass er nicht „dumm“ ist. Damit spricht die Protagonistin in ihrer kindlichen Art sogleich eines der Hauptprobleme von Kindern in einer ähnlichen Familienkonstellation an. In meinen Geschwisterabenden (Online-Treffen für Geschwister autistischer Kinder) formulieren keine fiktiven Personen, sondern reale Kinder diesen Sachverhalt ganz ähnlich. Ein Junge in Gwendolyns Alter sagte beispielsweise: „Die anderen in meiner Klasse haben alle so coole Geschwister!“ Welche Auswirkungen es hat, wenn man nicht zu denen gehört, die „so coole Geschwister“ haben, verdeutlicht die spannende Geschichte von Stefanie Christ, die sich gänzlich in der Herbst- und Halloween-Zeit ereignet, sehr anschaulich. Nicht nur das Familienleben gestaltet sich anders, sondern auch die Außenbeziehungen der Protagonistin werden auf vielfältige Weise durch ihren autistischen Bruder beeinflusst, auch wenn dieser in solchen Situationen überhaupt nicht anwesend ist. Die gesamte Geschichte wird von Gwendolyn erzählt. Den Autismus von Loris, dem autistischen Bruder, illustriert sie anhand von familiären Begebenheiten, die sie in ihrer kindlichen Art erfasst und erzählt. Dabei wird Autismus als anstrengend, aber nicht als bedrohlich dargestellt. Besonders gut gefallen mir die kindgerecht dargestellten, gefühlsmäßigen Ambivalenzen von Gwendolyn, die von Genervt-Sein, Neid auf die Aufmerksamkeit der Eltern für den Bruder, Wut, Trotz, Sorge um den Bruder bis zu Erleichterung, verhaltene Bewunderung und Liebe alles enthalten. Nichts davon wird überstrapaziert, sodass ein realistisches, nachvollziehbares Bild einer solch besonderen Geschwisterbeziehung entsteht, welches ich auch in meinen oben erwähnten Geschwisterabenden oft erlebe, zum Beispiel, wenn ein Kind äußert: „Mein Bruder ist jetzt für ein paar Wochen in der Psychiatrie. Alles ist jetzt zu Hause entspannt. [Pause] Und trotzdem fehlt er mir“ (Maus, 2025, S. 201). Trotz Gwendolyns dominantem Gefühl, dass „Loris immer im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen und sich der ganze Tagesrhythmus nach ihm richten muss“ (S. 11), gibt es an mehreren Stellen im Buch berührende Momente, die Gwendolyn deutlich zeigen, dass sie ihren Eltern ebenfalls wichtig ist. So steckt der Vater Gwendolyn Streichhölzer für einen Lichterumzug zu (S. 45), weil er die Lüge seiner Tochter nicht durchschaut, und die Eltern unterstützen ihre Tochter regelmäßig dabei, „das beste Halloween-Kostüm“ (S. 59) zu basteln. Da das Buch in der Schweiz erschienen ist, kann es sich als notwendig erweisen, den jungen Leserinnen und Lesern in Deutschland mitzuteilen, dass das „ß“ im Nachbarland nicht existiert und zumindest Kinder in Mittel- und Norddeutschland werden auch eine Erklärung für „Räbenlichter“ (S. 43 ff.) benötigen. Die aussagekräftigen, zum Teil ganzseitigen Illustrationen von Karin Widmer sind in Schwarz-Weiß gehalten. Ein Ausmalbild zum Buch kann über die Website der Autorin unter diesem Link heruntergeladen werden. Das Buch schließt mit einem kindgerechten Nachwort von autismus schweiz, in dem in wenigen Sätzen skizziert wird, was Autismus ist. Die Geschichte „Das Universum im Käseloch“ richtet sich explizit an die Geschwister eines autistischen Kindes. Das macht dieses Buch zu etwas Besonderem, da sich Geschwisterkinder hier als Haupt- und nicht wie sonst meist üblich in Kinderbüchern zum Thema Autismus als Nebenfiguren wiederfinden. Sie können der einfallsreichen Geschichte folgen und Parallelen oder Unterschiede zur eigenen Situation finden, denn im Nachwort wird erklärt: „Weil jeder Mensch im Autismus-Spektrum anders ist, ist es wie bei einem bunten Regenbogen“ (S. 104). Zum Schluss stellt sich die Frage, für wen dieses Buch besonders geeignet ist. Neben Geschwistern eines autistischen Kindes und allen Kindern, die sich für dieses Thema interessieren, dürfte solch ein Buch auch für Freundinnen und Freunde der Geschwisterkinder ein Gewinn sein. Geschwisterkinder, die einen Bruder oder eine Schwester mit dem sogenannten frühkindlichen Autismus haben, werden eher weniger von diesem Buch profitieren können, da sie sich in der geschilderten Familiensituation nicht wiederfinden können. Ich bin der Meinung, dass sich dieses Buch sehr gut für Geschwisterkinder von autistischen Kindern, welche eher dem Bild des früheren Asperger-Syndroms entsprechen, eignet, um sich ihrer besonderen Situation inklusive der damit verbundenen ambivalenten Gefühle bewusst zu werden. Deshalb füge ich es meiner Liste mit hilfreichen Materialien für Geschwisterkinder hinzu. Quelle: Maus, I. (2025). Geschwister von Kindern mit Autismus. Ein Praxisbuch für Familienangehörige, Therapeuten und Pädagogen. Stuttgart: Kohlhammer.