Buchvorstellung „Das Universum im Käseloch“
© Inez Maus 2014–2026
Transparenz: Das Buch wurde mir vom Baeschlin-Verlag als Rezensionsexemplar zugeschickt.
„Geschichten bieten Stoff zum Reden, sie lösen Gefühle aus, und sie vermögen die Welt zu erklären. Geschichten, die
sowohl positive als auch negative Erlebnisse aus dem familiären Alltag und Vorlieben oder Besonderheiten der Kinder in
eine fiktive Welt transportieren, eignen sich besonders gut, um Kindern […] das nahezubringen, was Autismus ganz
konkret in ihrer Familie bedeutet“ (Maus, 2025, S. 70). Zu den Kindern in solchen Familien gehören neben dem
autistischen Kind meist auch Geschwister.
Dem Thema, wie es ist, als Geschwisterkind eines autistischen Kindes aufzuwachsen, widmet sich jetzt ein Kinderbuch
zum Thema Autismus. Das Buch „Das Universum im Käseloch“ stammt von der Autorin Stefanie Christ, illustriert wurde
es von Karin Widmer. Erschienen ist es im Baeschlin Verlag – ein 1853 gegründeter Schweizer Verlag, welcher zum
einen Kinderbücher und zum anderen Publikationen mit Bezug zum Kanton Glarus verlegt.
Über die Autorin Stefanie Christ verrät die Website des Verlages unter anderem, dass sie Kunstgeschichte und
Medienwissenschaft studierte und seit 2004 Belletristik, Kolumnen und Sachtexte für Erwachsene und Kinder publiziert.
Eine persönliche Verbindung der Autorin zum Thema Autismus lässt sich auf ihrer eigenen und auf der Website des
Verlags nicht finden. Zu ihren Inspirationen schreibt Stefanie Christ: „Als Autorin werde ich oft gefragt, wie ich auf die
Idee für Bücher komme. Es ist jedes Mal eine andere Geschichte“ (stefanie-christ.ch am 15.03.2022, Zugriff am
24.02.2026).
Das Buch „Das Universum im Käseloch“ ist gebunden, 128 Seiten lang und wird ab einem Alter von acht Jahren
empfohlen. Am Beginn des Buches sind mehrere Organisationen und Stiftungen genannt, die das Buchprojekt gefördert
haben, darunter befindet sich auch autismus schweiz – die wichtigste Organisation für das Thema Autismus in der
Schweiz.
Zum Inhalt des Buches ist auf der Website des Verlags Folgendes zu lesen: „Gwendolyn hat einen Bruder mit Autismus.
Dieser pflegt eine besondere Obsession zu Käse, er ist überzeugt, dass man um die Löcher herum essen muss, um das
Universum im Käseloch intakt zu halten. Gwendolyn selbst hat aber etwas ganz anderes im Kopf: Sie will unbedingt zur
gefragten Halloween-Party einer beliebten Schülerin eingeladen werden. Denn in diesem Jahr hat sie sich als Kostüm
etwas ganz Ausgefallenes überlegt: Sie will als Universum im Käseloch gehen. Doch nichts läuft nach Plan und am Ende
gerät Loris durch Gwendolyns Handeln in Gefahr ... Zum Glück ist da die lokale Käserei, in der alle wieder heil
zusammenfinden!“
Das erste Kapitel beginnt mit dem Satz: „Mein Bruder ist blöd.“ Geäußert wird dieser Satz von Gwendolyn, die aber
sogleich richtigstellt, dass er nicht „dumm“ ist. Damit spricht die Protagonistin in ihrer kindlichen Art sogleich eines der
Hauptprobleme von Kindern in einer ähnlichen Familienkonstellation an. In meinen Geschwisterabenden (Online-Treffen
für Geschwister autistischer Kinder) formulieren keine fiktiven Personen, sondern reale Kinder diesen Sachverhalt ganz
ähnlich. Ein Junge in Gwendolyns Alter sagte beispielsweise: „Die anderen in meiner Klasse haben alle so coole
Geschwister!“
Welche Auswirkungen es hat, wenn man nicht zu denen gehört, die „so coole Geschwister“ haben, verdeutlicht die
spannende Geschichte von Stefanie Christ, die sich gänzlich in der Herbst- und Halloween-Zeit ereignet, sehr
anschaulich. Nicht nur das Familienleben gestaltet sich anders, sondern auch die Außenbeziehungen der Protagonistin
werden auf vielfältige Weise durch ihren autistischen Bruder beeinflusst, auch wenn dieser in solchen Situationen
überhaupt nicht anwesend ist.
Die gesamte Geschichte wird von Gwendolyn erzählt. Den Autismus von Loris, dem autistischen Bruder, illustriert sie
anhand von familiären Begebenheiten, die sie in ihrer kindlichen Art erfasst und erzählt. Dabei wird Autismus als
anstrengend, aber nicht als bedrohlich dargestellt.
Besonders gut gefallen mir die kindgerecht dargestellten, gefühlsmäßigen Ambivalenzen von Gwendolyn, die von
Genervt-Sein, Neid auf die Aufmerksamkeit der Eltern für den Bruder, Wut, Trotz, Sorge um den Bruder bis zu
Erleichterung, verhaltene Bewunderung und Liebe alles enthalten. Nichts davon wird überstrapaziert, sodass ein
realistisches, nachvollziehbares Bild einer solch besonderen Geschwisterbeziehung entsteht, welches ich auch in
meinen oben erwähnten Geschwisterabenden oft erlebe, zum Beispiel, wenn ein Kind äußert: „Mein Bruder ist jetzt für
ein paar Wochen in der Psychiatrie. Alles ist jetzt zu Hause entspannt. [Pause] Und trotzdem fehlt er mir“ (Maus, 2025,
S. 201).
Trotz Gwendolyns dominantem Gefühl, dass „Loris immer im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen und sich der ganze
Tagesrhythmus nach ihm richten muss“ (S. 11), gibt es an mehreren Stellen im Buch berührende Momente, die
Gwendolyn deutlich zeigen, dass sie ihren Eltern ebenfalls wichtig ist. So steckt der Vater Gwendolyn Streichhölzer für
einen Lichterumzug zu (S. 45), weil er die Lüge seiner Tochter nicht durchschaut, und die Eltern unterstützen ihre
Tochter regelmäßig dabei, „das beste Halloween-Kostüm“ (S. 59) zu basteln.
Da das Buch in der Schweiz erschienen ist, kann es sich als notwendig erweisen, den jungen Leserinnen und Lesern in
Deutschland mitzuteilen, dass das „ß“ im Nachbarland nicht existiert und zumindest Kinder in Mittel- und
Norddeutschland werden auch eine Erklärung für „Räbenlichter“ (S. 43 ff.) benötigen.
Die aussagekräftigen, zum Teil ganzseitigen Illustrationen von Karin Widmer sind in Schwarz-Weiß gehalten. Ein
Ausmalbild zum Buch kann über die Website der Autorin unter diesem Link heruntergeladen werden.
Das Buch schließt mit einem kindgerechten Nachwort von autismus schweiz, in dem in wenigen Sätzen skizziert wird,
was Autismus ist.
Die Geschichte „Das Universum im Käseloch“ richtet sich explizit an die Geschwister eines autistischen Kindes. Das
macht dieses Buch zu etwas Besonderem, da sich Geschwisterkinder hier als Haupt- und nicht wie sonst meist üblich in
Kinderbüchern zum Thema Autismus als Nebenfiguren wiederfinden. Sie können der einfallsreichen Geschichte folgen
und Parallelen oder Unterschiede zur eigenen Situation finden, denn im Nachwort wird erklärt: „Weil jeder Mensch im
Autismus-Spektrum anders ist, ist es wie bei einem bunten Regenbogen“ (S. 104).
Zum Schluss stellt sich die Frage, für wen dieses Buch besonders geeignet ist. Neben Geschwistern eines autistischen
Kindes und allen Kindern, die sich für dieses Thema interessieren, dürfte solch ein Buch auch für Freundinnen und
Freunde der Geschwisterkinder ein Gewinn sein. Geschwisterkinder, die einen Bruder oder eine Schwester mit dem
sogenannten frühkindlichen Autismus haben, werden eher weniger von diesem Buch profitieren können, da sie sich in
der geschilderten Familiensituation nicht wiederfinden können. Ich bin der Meinung, dass sich dieses Buch sehr gut für
Geschwisterkinder von autistischen Kindern, welche eher dem Bild des früheren Asperger-Syndroms entsprechen,
eignet, um sich ihrer besonderen Situation inklusive der damit verbundenen ambivalenten Gefühle bewusst zu werden.
Deshalb füge ich es meiner Liste mit hilfreichen Materialien für Geschwisterkinder hinzu.
Quelle:
Maus, I. (2025). Geschwister von Kindern mit Autismus. Ein Praxisbuch für Familienangehörige, Therapeuten
und Pädagogen. Stuttgart: Kohlhammer.